Mutter sein, Web 2.0
Kommentare 16

Erfreue dich an deiner Filterblase oder lass sie platzen!

Mohnblumen auf dem Grünstreifen der Karl-Marx-Allee in Berlin. Foto unbearbeitet von www.Berlinfreckles.de

Dass ich mich für dieses Foto mitten im Berufsverkehr ziemlich komisch ins Gras gehockt habe, hat mit Instagram zu tun. Aber ich muss anders anfangen…

Bald so lange her, wie mein großes Kind alt ist, ist die Zeit, in der in an jedem Sonntag als frisch gebackene Mama einen in Word getippten Text an die Redaktion der Kidsgo geschickt habe. Als Mamatagebuch aus dem ersten Lebensjahr ging mein Text dann online, bis ich irgendwann auf die Idee kam, dass ich nicht auf Sonntag warten muss, um etwas, das ich mir ausgedacht hatte, ins Netz zu stellen. Blog Blog, hurra!

Als erste aus meinem Freundeskreis war ich Mutter geworden. Ich hatte die Berlin-Ausgabe der Kidsgo im Haus, weil es darin alle wichtigen Termine und Adressen für Kinderwagen schiebende Mütter wie mich gab.

Und ich hatte einen Account beim Forum von Urbia. Im Forum blieb ich genau so lange, bis ich begriff, dass es eigentlich für Ratsuchende auch nicht viel anders war, als im analogen Leben. Frage zwei Personen und du bekommst drei verschiedene Antworten. Der Unterschied bestand lediglich darin, dass alle, die ihre Mitmenschen mit Sticheleien und besserwisserischen Ermahnungen nerven wollten, das unter hübschen Decknamen wie Rhein_Neckar_Muddi68  tun konnten. Im wahren Leben hätte man sich so etwas schon persönlich ins Gesicht sagen müssen.

Von der Auswahl an Ratgebern in Buchform fühlte ich mich damals so überfordert, dass das einzige Buch für Schwangere und Mütter, das es in mein Bücherregal geschafft hatte, ein broschiertes Buch mit Fachtexten über Stillen und Muttermilchernährung war, das man sich kostenfrei bei der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung bestellen konnte. (Das gibt es übrigens immer noch kostenfrei, allerdings als PDF zum Download.)

Ich frage mich manchmal selbst, wie ich mit diesem spartanischen Auftakt in mein Mutterdasein eine Vorliebe für schön arrangierte und mit Filtern versehene Fotos auf diversen Social Media Kanälen entwickeln konnte. Gerade habe ich Die Neu-Mama-Falle gelesen und mich im Abschnitt mit dem Forum und beim Googeln von Krankheitssymptomen komplett wiedergefunden. Nur dass es bei mir nicht die Netmoms waren, sondern das Urbia-Forum. Im redaktionellen Teil von Urbia habe ich immer mal wieder den einen oder anderen Artikel gelesen. In Foren war ich nie wieder unterwegs. (Dafür hänge ich jetzt in Facebook Gruppen herum, aber das ist ein anderes Thema…)

Bei Plattformen wie Instagram kann ich die Sache mit der Illusion und der Scheinwelt, die einen unter Druck setzt, allerdings gar nicht nachvollziehen. Eigentlich funktionieren Instagram, Twitter und Facebook in einer Sache ziemlich gleich: das, was ich in der sogenannten Timeline oder im Stream sehe, setzt sich (von einem unerklärlichen Algorithmus mal abgesehen) aus dem zusammen, was die Personen hinein spülen, denen ich folge.

Je mehr Interieur-Bloggern in folge, desto mehr perfekt aufgeräumte Wohnungen werde ich sehen. Folge ich vielen Foodbloggern, kann ich eigentlich alle meine alten Kochbücher in den Mülleimer werfen, weil selbst das Essen, das sie mit dem Smartphone aufnehmen, viel besser aussieht als in den Rezepten, die in den Büchern auf meiner Küchenfensterbank ihr angestaubtes Dasein fristen. Nicht zu vergessen ist da noch die Instagram-Gruppe die vorzugsweise Fotos a la „Frau von hinten vor atemberaubenden Bergsee“ oder „Sommercocktail an Infinity-Pool“ postet. Oder die Fashionblogger, bei denen selten ein Instagram-Foto so aussieht, als wäre irgend etwas daran noch „instant“.

Kurz gefasst: Wenn ich zu viel Perfektionismus in der schillernden Social-Media-Filterbubble sehe, wird es höchste Zeit, mir zu überlegen, wem ich da eigentlich folge und warum.

Es mag daran liegen, dass ich schon immer wissen wollte, wie Dinge funktionieren, aber wenn ich solche Fotos sehe, stelle ich mir nie die Frage, ob die Wohnungen immer so aufgeräumt sind. Ich freue mich über einen gelungenen Bildaufbau, eine gute Lichtsetzung und natürlich vor allem über das tolle Motiv. Ich bin außerdem entzückt, wenn es die Accountinhaberinnen noch schaffen, mal diejenige Person zu benennen, die das schöne Foto gemacht hat. Bei anderen weiß ich längst, dass sie oft genug die Kamera aufs Stativ setzen und dann vor der beeindruckenden Bergkette in eine Art halbe Hockstellung gehen, damit das perfekte Foto dabei heraus kommt.

Ich erfreue mich tatsächlich lieber an den schillernden Seifenblasen, den schönen Fotos. Die sind entspannend und nicht so anstrengend fürs Auge. Alltag habe ich schließlich selbst genug.

Und soll ich ganz ehrlich sein? Schon länger färbt Instagram auf angenehme Weise auf mein analoges Leben ab. Ich störe mich nicht daran, dass ein Drittel meines Esstisches belegt ist mit einem Tuschkasten, Malblättern, Fädelperlen, Federballschlägern und einem Lippenbalsam in Rosé, der keine Kappe mehr hat. Ich erfreue mich lieber am Milchschaum auf meinem Kaffee und genieße das Plunderteilchen, das auf meinem Lieblingsteller besonders gut aussieht – auch wenn dieses Motiv nie seinen Weg in meine Social Media Kanäle finden sollte.

Die kleinen Freunden im großen Chaos zu sehen und wert zu schätzen ist keine ganz und gar schlechte Eigenschaft. Falls jemand vor kurzem in Berlin auf der Karl-Marx-Allee in Richtung Alexanderplatz eine Frau gesehen hat, die ihr Fahrrad spontan vom Radweg mitten auf den Grünstreifen lenkte, um ein Foto zu machen, hat mich auf dem Weg zur Arbeit gesehen.

Der Mohn blühte einfach so schön, dass ich mich ungeachtet der ziemlich nassen Wiese zwischen die Mohnblüten hockte, um ein Foto zu machen. Ein kleiner quadratischer Ausschnitt mit Filter aus dem großen Bild, das sich Alltag nennt.

Liz von kiddo.the.kid hat mir genau zu dem Thema mal unter einem meiner Instagram Bilder, einen Kommentar hinterlassen, den ich voll und ganz unterschreibe:

„Meine Fotos sind meistens stark bearbeitet (alles Handykamera). Aber nicht, um sie schöner zu machen, sondern um sie meiner inneren Realität anzupassen. Um sie möglichst nah an das Gefühl zu bringen, das ich in dem Augenblick hatte. Die Accounts mit den wahnsinnig schönen Bildern genieße ich wie ein Stück Kuchen. Realität ist anders, Realität ist außerhalb von hier.“

Wer nicht jeden Tag Kuchen mag, könnte ja die ganzen Bäckern und Konditoren entfolgen. Und wem es in der selbst geschaffenen Filterblase zu sehr glänzt und schillert, der kann sie ja immer noch platzen lassen.

16 Kommentare

  1. Das Problem ist ja oft, dass sich die Leute eben diesem Einheitsbrei anpassen. Sie starten noch ohne Filter und irgendwann geht’s dann los mit dem besprühen von Lebensmitteln oder dem Einlegen von Obst in Zitronensaft – um mal das Foodblogging als Beispiel zu nehmen. Es wird aber weiterhin so getan als wäre das ein spontaner Schnappschuss ihres Küchentischs und nicht ein gestelltes Stillleben mit 1 Stunde Vorarbeit.

    Und eben weil niemand sich hinstellt und sagt „Leute, der Cupcake ist nach dem Foto nicht mehr essbar – da ist Haarspray dran!“ sondern so etwas „Mhmm, jetzt gibt es Cupcakes zum Kaffee“, setzt das unerfahrene Nutzer unter Druck. Woher sollen die auch die ungeschriebenen Gesetze auf Instagram kennen?

    Mir persönlich geben solche Bilder nichts. Es reicht mir aus dem beruflichen Kontext zu wissen was alles getan wird um die perfekte Illusion zu schaffen. Ich nehme das nicht für bare Münze und damit fällt es automatisch aus meiner Bubble. Andere suchen genau solchen Perfektionismus und darum ist es auch gut, dass es ihn gibt. Dafür habe ich besonders elegante Algorithmen bei mir an der Wand hängen … jeder hat da so sein Steckenpferd für die kleinen Freuden des Lebens, denke ich :)

    Jedoch wünsche ich mir eben etwas mehr Wahrheit und Meta-Information bei solchen Bildern. Medienkompetenz können wir alle etwas gebrauchen – wir waren alle einmal neu und haben lernen müssen. Es freut mich darum, dass du hierzu geschrieben hast. Da draußen gibt es auch Menschen die regelrecht allergisch auf die Aufdeckung solcher Illusionen reagieren und behaupten sie würden gar nichts arrangieren.

    • Hallo Chris,
      ich habe mal einen Beitrag im Fernsehen über Foodfotos für Kataloge gesehen. Da wurden sogenannte „Tautropfen“ aus Kleber mit einer Pipette von außen an ein Cola-Glas gesetzt. Alle einzeln! Nur, damit dann besonders glaubhaft rüberkommt, dass das Getränk im Glas wirklich kalt und erfrischend ist.

      Aber der Punkt, den du ansprichst, ist tatsächlich der, das manche tatsächlich den Eindruck erwecken, da wäre etwas nur eben mal so hingeworden worden (und nicht 10 Minuten lang arrangiert) oder man würde immer so essen (und nicht nur, wenn ein Foto für die Social Media Kanäle gebraucht wird). Der Kontext solcher Bilder wird eben meist nicht mitgeliefert. Aber selbst auf Nachfrage zu behaupten, das wäre nicht arrangiert oder groß vorbereitet, oder das perfekte, mit der hochwertigen Digitalkamera geschossene Foto und bearbeitete Foto wäre nur ein Schnappschuss gewesen, das geht gar nicht.

      Besser wäre beim Kompliment zum perfekten Wohnzimmerbild wahrscheinlich so etwas wie „Danke, es hat viel Arbeit gemacht, bis es so ordentlich aussah und ich habe mir echt Mühe gegeben beim Dekorieren.“

      • Amen! Sophie, ein toller Text, den ich nur unterschreiben kann, inklusive des Zusatzes von Chris. Authentizität kann ja auch gestellt sein, es sollte nur entsprechend wahrheitsgemäß kommuniziert werden. Ein weiterer Aspekt, der für mich dazu gehört: Schleichwerbung, die nervt echt zusehends. Aber so lange es den Leuten klar ist, dass es sowas gibt – und ich denke, man merkt entsprechenden Bloggern Schleichwerbung auch deutlich an – und ich mich dann bewusst dafür oder dagegen entscheiden kann, ist auch dann eben kein Problem da.
        Danke für diesen Text & liebe Grüße,
        Inka

        • Danke Inka, ich merke Schleichwerbung in letzter Zeit auch zunehmend in Printmedien. Wahrscheinlich war sie schon immer da, aber mir fällt es zunehmend mehr auf. Andere Leserinnen, die vielleicht nicht wissen, dass eine Marke gerade massiv PR macht und auf Medien und Blogger zugeht, halten es womöglich wirklich für einen authentischen „Tipp der Redaktion“.

  2. Ein super Text- Druck macht man sich immer selbst und nicht die Anderen- ich mag Scheiss Bilder und ich mag die hübsch gemachten.
    Liebe Grüße
    Dani

  3. Geht mir genauso. Ich freue mich an den schönen Bildern und finde manchmal Inspirationen für mich, aber ich weiß auch dass die Wohnung hinter der Kamera vermutlich genauso chaotisch aussieht wie meine ? Man darf das alles nicht ZU ernst nehmen …

  4. Gerne gelesen und ich habs ja auch geschrieben: fernbleiben oder sich dessen bewusst sein und natürlich kann das auch Inspiration sein (meine Wochenendfrühstücke haben sich sehr verbessert, seit ich regelmäßig den Frühstückstisch der Familie Mierau sehe).
    Ich hab ja auch schon seit weit über 12 Jahren Kinder… da wird man in vielen Sachen entspannter und zumindest ich nehme das jetzt nicht mehr als Druck wahr.

    • Danke. Dein Artikel war ein wunderbarer Anstoß, dieses Thema aufzugreifen. Letztendlich läuft viel darauf hinaus, bei Dingen, die man konsumiert, sich bestimmte Sachen einfach bewusst zu machen. Ein wenig Medienpädagogik für werdende Eltern sollte vielleicht in Geburtsvorbereitungskurse einfließen. Fände ich nicht schlecht.

      Liebe Grüße, Sophie!

  5. Ich mach ja selbst *gnadenlos unprofessionell* gelegentlich Bilder und daher ist mir absolut klar, dass es sich bei den Instagram-Bildern um eine aufgehübschte Scheinwelt handelt. Und eigentlich dachte ich bisher, dass das allen klar ist. Die aktuelle Diskussion zeigt, dass das offenbar doch nicht der Fall ist… Das hat mich schon irgendwie erstaunt. Es ist doch eigentlich nachvollziehbar, dass die wenigsten die Kamera raus holen, wenn einem das Baby gerade auf die Schulter gespuckt hat oder das Kind von oben bis unten dreckig aus den Klamotten geschält wird. Den von Dir genannten Aspekt finde ich wirklich wichtig – wir entscheiden ja selbst mittelbar, was wir zu sehen bekommen :-).

    Liebe Grüße
    Danielle

    • Danke für deinen Kommentar, Danielle.
      Um deinen letzten Satz aufzunehmen: Gerade auf Social Media Plattformen haben wir es ja entscheidend in der Hand, was wir sehen. Die Eltern in der Kindergartengruppe oder in der Schulklasse meiner Kinder kann ich mir nicht aussuchen, meine Netz-Eltern-Hood schon. Vielleicht sehen wir, die uns täglich im Web bewegen und nicht nur konsumieren, sondern selbst bloggen, die schöne Scheinwelt etwas nüchterner. Aber es gibt bestimmt auch noch viele, denen nicht bewusst ist, dass es sich um eine gefilterte, aufgehübschte Scheinwelt handelt.
      Liebe Grüße, Sophie!

    • Zugegeben, ich hatte bis zur Geburt – trotz Vorbereitungskurs – keine Ahnung, dass diese heile Welt der Babyfotos und lachenden Familien vor dem Frühstückstisch nicht der Wahrheit entsprach. Meine Logik war simpel: Wenn das Baby eh 18 Stunden am Tag schläft, dann KANN das ja gar nicht stressig sein. Hab auf der Arbeit auch jedem erzählt ich würde in ElternURLAUB gehen :p
      Habe ich erst vor Kurzem drüber gebloggt.

      Jetzt, 7 Wochen später, bin ich da etwas weniger naiv und freue mich wie Bolle über einen Schlummer der mal keine 2 sondern 4 Stunden dauert.

      • Hallo Chris, magst du den Link vielleicht direkt mal hier posten?

        Ich war drei Mal in Elternzeit, aber dieser ERZIEHUNGSURLAUB, wie er früher offiziell hieß, ist mir nicht über den Weg gelaufen.

  6. Ich lebe die Perfektion des Unperfekten, sagen wir, ich hätte es auch gern immer schön, doch immer klappt das eben nicht, muss halt der Filter den Staub auf dem Schrank wegzaubern, wenn die Kinder eben gerade da so schön zum knipsen einladen :D
    Mir geht das inzw. auch so wie dir und gäbe es es Insta nicht und #Martinaskaffee, dann würde ich doch tatsächlich jeden Tag aus langweiligen Tassen trinken ;-)

  7. Oh, jetzt bin ich beim arglosen Lesen des Artikels erschrocken, als da plötzlich mein Name auftauchte :D

    Tatsächlich stelle ich das mit der „Schleichwerbung“ auch verstärkt fest. Die meisten werbenden Blogposts lese ich nicht mehr, weil sie keinen Mehrwert bereit halten (zumal die beschrieben Hintergrundinformationen so oft vom Hersteller stammen).

    Es gibt natürlich Ausnahmen (Du bist eine, und Von guten Eltern sowie Geborgen wachsen zB auch, bei Euch ist der Kundenauftrag einfach harmonisch in die Postings eingebaut).

    Aber sowohl im Print, wie auch auf Blogs und Instagram nervt mich die ganze PR, es sei denn, da hängt eine wirklich originelle Idee dran. Ich arbeite seit über einem Jahrzehnt in der Werbung, daher hab ich da ne gewisse Intoleranz entwickelt.

    Bei meinem Instagram-Account halte ich es so, dass ich wie gesagt die Bilder oft stark bearbeite – aus den oben genannten Gründen und weil es mir Freude macht. Aber das muss schnell gehen. Inszenierte Aufnahmen, die womöglich ein Stativ und Vorbereitung und weißnichtwas erfordern, dafür habe ich einfach keine Geduld.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.