Zwiegespräche
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Dialog mit einem Elefanten

#einelefantfuerdich

Wieso musst du hier in der Küche stehen? Ich wollte nur die Spülmaschine einräumen und jetzt das! Scheiße.

Ja, ich weiß. Du hast den es Kindern schon eine Million mal gesagt. Kein Spielzeug in der Küche! Und trotzdem schleppen sie den ganzen Mist hierher. Pass auf, dass du mich nicht noch aus Versehen in den Spüler einräumst. Unterm Tisch liegt übrigens noch der Plüsch-Weihnachtsmann. Da, zwischen den zertretenen Cornflakes. 

Nein, du Idiot. Ich meine, wieso musst DU hier stehen? Ich hätte heute hier den halben Zoo in der Küche ertragen, aber nicht dich. Kein Elefant heute. Bitte.

Wieso nicht?

Erst war es nur ein schönes Foto auf Instagram mit dem Hashtag #elefantfürdich. Dann will ich eigentlich nur mal kurz auf Facebook schauen. Ja ja, mal kurz. Ich weiß schon! Da sehe ich den Artikel von Mareice vom Kaiserinnenreich. Mareices vierjährige Tochter ist gestorben. Ich lese ihn einmal, zweimal dreimal und heule. Ich sitze auf dem Klo, habe das Handy in der Hand und heule.

Arschloch! Das Leben ist echt ein Arschloch!

Sophie, du weißt, du kannst dem Leben keine solchen Eigenschaften zuschreiben. Das Leben ist weder nett, noch ist es ein Arschloch. Das Leben ist das Leben. Das Leben ist alles.

Oh, bitte! Werde bloß nicht philosophisch. Du bist ein Spielzeugelefant. Ein Spielzeugelefant mit Werbeaufdruck, der hier in meiner Küche zwischen dreckigem Geschirr steht. Wahrscheinlich bist du noch nicht mal als Kinderspielzeug zugelassen. Hast du überhaupt so ein Prüfzeichen irgendwo unter einem deiner Füße?

Vermutlich nicht. Aber ganz ehrlich, hast du keine anderen Sorgen außer, dass vielleicht die Farbe von mir abgeht, wenn man eine halbe Stunde auf mir herum kaut?

Wenn du mich so direkt fragst, dann lautet die Antwort: NEIN. Ich habe keine anderen Sorgen. Es gibt Dinge, über die ich mich manchmal aufrege. Aber das sind Kleinigkeiten. Mir geht es gut. Meiner Familie geht es gut.

Weißt du, ich habe beim Kaiserinnenreich immer still mitgelesen. Das heißt, ich gehöre zu denjenigen, die wirklich fast jeden Artikel gelesen, aber nie kommentiert haben. Ich liebe die Art, wie Mareice über ihr Leben mit einem mehrfach behinderten Kind und einem nicht behinderten Kind schreibt. Also, schrieb. Ach scheiße…!

Scheiße was? 

Es ist nicht fair. Nicht fair. Lies Mareices Liebeserklärung an ihre große Tochter und dann erkläre mir, warum sie ihr Mädchen gehen lassen musste. Sie hat das nicht verdient.

Wir kennen uns nicht persönlich und doch hat sie durch ihren Blog mein Leben bereichert. Ihre Artikel lassen mich teilhaben an ihren Erlebnissen und Gedanken.

Vielleicht ist es das, was Elternblogs wie das Kaiserinnenreich letztlich ausmacht und auch so wichtig macht.
Ihr Blog lässt mich teilhaben an ihrer Alltagswelt, erweitert meine Sichtweise, gibt Antworten auf Fragen, die ich bis jetzt noch nicht gestellt habe. Bringt mich zum Schmunzeln und zum Nachdenken.

Aber was weiß ein Kunststoffelefant schon über Blogs…?

Nichts natürlich. Du sagst es selbst. Ich habe noch nicht mal eine Zulassung als Kinderspielzeug. Ich weiß nichts übers Bloggen. 

Dann will ich dir mal was sagen. Mareice schreibt über sich, sie sei unter anderem Wort- und Windelwechslerin, Denkerin und Ermutigerin. Für mich ist sie eine der ganz großen Ermutigerinnen. Während ich hier mit feuchten Augen die letzten schmutzigen Teller einräume, gehen mir ihre Worte durch den Kopf: „Wir wünschen uns kein Beileid; wir möchten uns lieber darüber freuen, dass sie da war. Dass sie uns verzaubert hat und glücklich mit uns war.“

Das ist ein schöner Wunsch. Und jetzt wisch dir mal über die Augen, schmeiß endlich den Geschirrspüler an und schreib der Mareice was ins Kommentarfeld. 

Mach ich, Grauer. Mach ich.

 

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6 Kommentare

  1. Aileen sagt

    Hast du Sehr schön geschrieben! Sie wird sich bestimmt freuen über den Text sollte sie ihn mal lesen!

  2. Ich war gestern auch völlig geschockt, als ich das las:( Und hab mich gefragt, ob es eine Lizenz für echt beschissene Schicksalsschläge gibt, die man prophylaktisch abgeben kann…:-(
    Mareice kommuniziert als eine der wenigen Eltern mit behindertem Kind nicht in dem so typischen Jammerton, und sogar JETZT, wo ihr die Kaiserin genommen wurde, kein einziger solcher Fluch… Ich kann ne dicke Scheibe abschneiden von der wahnsinnigen Art wie sie das Leben meistert. Und hoffentlich auch jetzt meistern wird♡♡♡
    Danke für deinen Beitrag, ich bin sicher dass er ihr Kraft schenkt:)

    • Liebe Mira,

      danke für deinen Kommentar. Mareices Abschiedsworte zeugen von so viel Liebe und Größe und JA zum Leben. Ich bin immer noch so ergriffen. Ja, wir können uns alle eine Scheibe abschneiden.

      Dir schicke ich auch viel Kraft und Optimismus für deinen Weg, bei dem eine Teilstrecke gerade auch etwas steiniger und kurvenreicher zu sein scheint. Lauf einfach weiter in Richtung Sonne!

      Liebe Grüße, Sophie!

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