Gelassenheit gibt’s nicht in Tüten

Gelassenheit gibt's nicht in Tüten

Es soll ja Mütter geben, die denken, es würde schon alles gut gehen, wenn man alles nur mit genügend Gelassenheit anginge. Das sind dann zumeist die Mütter, die am Ende des Tages (oder auch nur nach einem Besuch im Supermarkt) völlig entkräftet und genervt feststellen, dass man neben Gelassenheit vielleicht auch an eine vernünftige Zeitplanung, Feuchttücher und die Mittelchen denken muss, wenn gar nichts mehr geht. Bei uns machen sich Seifenblasen in letzter Zeit ziemlich gut. Investition: 49 Cent. Nutzen: Unbezahlbar. Aber ich habe mit meinen zwei Mäusen schon genügend Situationen erlebt, aus denen uns keine Seifenblasen der Welt wieder herausgeholfen hätten. Es sind diese (zum Glück seltenen) Situationen, in denen ich mich frage, in welchem schwachen Moment ich auf die Idee gekommen bin Kinder zu bekommen. Oder, warum es Gelassenheit nicht auch im Supermarkt gibt, quasi gleich neben den Chipstüten.

Gelassenheit gibt's nicht in Tüten

„Für viele Eltern, vor allem die Mütter, bleibt Gelassenheit der größte unerfüllte Wunsch“, sagt Nicole Hanisch vom Rheingold Institut in Köln. In einer Studie zur Situation der Frau 2011 fanden die Wissenschaftler heraus: Es gibt sie leider kaum noch, die entspannte Mutter. Viele deutsche Mütter sind verunsichert, fühlen sich oft genug überfordert und sehen sich einem permanenten Perfektionsdruck ausgesetzt. Zwar tragen 78 Prozent der befragten Frauen Gelassenheit als große Vision beim Thema Kinderkriegen und Kinderhaben vor sich her, doch nur 44 Prozent fühlen sich beim Thema Kinder wirklich entspannt. Und 100% der Mütter müssen feststellen, dass man Gelassenheit nicht kaufen kann. Nicht in Form von Designer-Kinderwagen oberhalb der 1000-Euro-Grenze und auch nicht in Tüten.

Ich habe für mich den Sport – oder gut, nennen wir es lieber Fitness – als Weg zu mehr Gelassenheit gefunden. Erst war ich mit Freunden regelmäßig schwimmen. Doch im Moment geht das nicht, da Töchterchen vorerst nur Milch aus der Originalquelle akzeptiert und noch nicht verlässlich durchschläft. Daher ist vorerst Bewegung mit Kinderwagen mein Ersatzsport. Hier wieder mal eine kleine Episode aus meiner Mama-Fitness-Truppe von LaufMamaLauf: In der vergangenen Woche konnten die Besucher des Volksparks Friedrichshain Zeuge folgenden Schauspiels werden. Eine Gruppe von Müttern parkt ihre Kinderwagen am Rosengarten vor der Treppe zum kleinen Bunkerberg, um dann wie von der Tarantel gestochen die Treppe ganz hinauf- und wieder herunter zu laufen. Eine sportliche Einlage, die wahrscheinlich die wenigsten Spaziergänger freiwillig machen würden. Und ich gebe zu, ich habe nach dem zweiten Durchlauf gepustet wie eine alte Dampfmaschine. Aber für meine Stimmungslage war jede erklommene Stufe Gold wert. Denn: Bewegung in der freien Natur hat positive Auswirkungen auf die Psyche, macht fröhlich und ausgeglichen. Jetzt könnte ich natürlich weit ausholen und diverse Studien zitieren, die zeigen, dass bei Outdoor-Sport stimmungsaufhellende Neurotransmitter freigesetzt werden, die sogar nachhaltig gegen „Baby-Blues“ wirken und postnatale Depressionen verhindern bzw. reduzieren können. Aber lassen wir das.

Was im stressigen Mama-Alltag hilft, ist, dass ich mich zum Beispiel an den irren Treppen-Sprint erinnere und mir selbst sage: „Wenn du es geschafft hast, diese blöde Treppe zu erklimmen, obwohl sich dein Beckenboden fast verabschiedet hätte und die Waden nur noch Pudding waren, dann wirst du doch auch diese Situation meistern.“ Gelassenheit kann man eben nicht kaufen, aber sehr wohl lernen.

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