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Die Ja-Sagerin in mir

Ja, und...

Nachdem ich die vorletzte Woche an einem Lab zum Thema „Digitale Medien in den frühpädagogischen Praxis“ teilgenommen habe, führte mich gestern ein Stadtbummel mit meinen Lieben genau an diesen Ort zurück. Diesmal jedoch nicht als Teilnehmerin eines für mich sehr herausfordernden Workshop-Formates, sondern einfach nur für einen kurzen Zwischenstopp mit Kaffee, Erdbeerkuchen und Apfelsaft.

Im Quartier Zukunft in der Berliner Friedrichstraße sah ich – meinen Milchkaffee schlürfend – nicht nur meine Mädchen in der Spielecke, sondern auch viele kleine Arbeitsgruppen, die diskutierend vor Pinnwänden standen. Ich sah eigentlich noch einmal eine Momentaufnahme aus der vergangenen Woche. Nur war ich jetzt Beobachterin von außen. Wir waren mitten drin in einer Veranstaltung der JugendPolitikTage 2017, wie ich später auf einem Schild las.

Was mir auffiel in der Gruppe, die uns am nächsten war: Die ersten Worte, die auf das eben Gesagte einer Person fielen, waren fast immer „Ja, aber…“.

Es entbehrte nicht einer gewissen Komik, dass ich in diesem Moment einen Artikel aus dem ArtMag der Deutschen Bank über ein Projekt in Münster las. Es ging darin um ein Kunstprojekt, das sich mit dem Zusammenleben von verschiedenen Menschen beschäftigte. Bei einem Spiel, in dem verschiedene Personen zu einer Lösung kommen sollten, wurde für die Diskussion eine einfache Regel eingeführt:

„… Nach einer ersten Runde mit vielen Schwierigkeiten schlug ich vor, jede Entscheidung in Form eines “Yes, and…“ zu formulieren. “Yes-Anding” ist eine Technik aus dem Improvisationstheater: Wie immer deine Antwort auch ausfällt, du musst zunächst das anerkennen, worauf du reagierst, bevor du etwas Eigenes hinzufügst. Und wenn das, was die andere Person gesagt hat, für dich nicht okay ist, musst du es mit deiner eigenen Reaktion umleiten.

Verneinung ist möglich, kann aber nicht in bloßer Ablehnung bestehen. Man reagiert eher wie Judo- oder Aikido-Kämpfer, die nie gegen die Bewegung ihres Partners angehen, sondern deren Schwung nutzen, um ihr Ziel zu erreichen.

Mit dem „Yes-Anding“ kam unser Spiel in eine Art Fluss. Dieser Fluss wurde seltener durch Einwände unterbrochen, und die Tendenz ging insgesamt zu mehr Kooperation. Die Teilnehmenden konzentrierten sich mehr darauf, eine Maßnahme zu verändern, anstatt zu versuchen, sie außer Kraft zu setzen.“ 

Ich dachte instinktiv an so manche Besprechung und Diskussionsrunde, die ich schon hinter mir hatte und überlegte, wie sie wohl verlaufen wäre, wenn wir „Ja, und…“ als Regel eingeführt hätten.

Ja, aber erst gibt doch genügend Texte, die dazu auffordern, endlich öfter mal „Nein“ zu sagen, könnte man einwenden. Und es gibt sogar Artikel, wie den in der Wirtschaftswoche, der Ja-Sagern geradezu ein gefährliches Leben vorhersagt.

Aber dieses Ja zu allem und jedem ist kein ehrliches Ja. Wenn ihr mich fragt, ist es ein verbales Sich-Weg-Ducken vor der Verantwortung eigene Entscheidungen zu treffen. Und dass es einem auf Dauer damit nicht wirklich gut gehen kann, leuchtet ein. Ich habe dazu ein schönes Zitat gefunden.

„Wenn du Ja sagst, dann sei dir sicher, dass du nicht Nein zu dir selbst sagst.“    – Paulo Coelho

Schade eigentlich, dass der brasilianische Schriftsteller das vor mir gesagt hat. Es hätte von mir sein können. Besser könnte ich es nämlich auch nicht ausdrücken.

Ja zu sagen bedeutet nämlich nicht, dass ich mit allem einverstanden bin, was mein Gegenüber sagt. Es heißt vor allem, dass ich die Sichtweise der anderen Person erst einmal annehme. Ob ich sie teile, steht auf einem ganz anderen Blatt.

Ich nehme mir in der kommenden Woche vor, einfach mal wieder mehr Ja zu sagen. In Diskussionen mehr „Ja, und…“ statt „Ja, aber…“. Und ich bin gespannt, was die Woche als Ja-Sagerin mit mir macht.

Und jetzt werde ich einfach noch ein bisschen philosophisch.

Zitat:                JA!        ZU DIR.        ZU ANDEREN.              ZU DEM, WIE ES IST.              ZU DEM, WIE ES NICHT IST.   ZU DEM, WAS DU BIST.   ZU DEM, WAS DU NICHT BIST.                    ZU GESTERN.                    ZU MORGEN.       ZU DIESEM TAG.       ZU DIESEM AUGENBLICK.                                          JA? JA!

 

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5 Kommentare

  1. Hallo Sophie,

    ich bin gespannt, was das „Ja sagen“ bewirkt. Viel Gutes, vermute ich. ;-)

    Kennst du den Film „Der Ja Sager?“ Auch (oder gerade weil) der Film teilweise ziemlich albern ist (Jim Carrey eben), finde ich den Film wirklich inspirierend und somit empfehlenswert. Ich habe mir nach dem Film jedenfalls wieder angewöhnt, sehr sparsam mit dem Wort NEIN umzugehen und bei jedem Nein zu überlegen, ob es nicht vielleicht doch auch ein JA sein könnte. Das hat zu einer regelrechten „Positiv-Spirale“ geführt.

    Liebe Grüße,
    Patricia

  2. Sehr super und ich stimme dir voll zu. Das Problem hatten wir vor der Abreise auch gehabt….. Liebe Grüße aus Kambodscha.

  3. Wir haben ein Kinderbuch: „Jakob und Neinkob“. Ich kenne es auswendig: „Jakob sagt immer ja und Neinkob sagt immer nein“.

    Natürlich ist Jakob der Gute. Aber Neinkob am Ende auch, weil er auch mal „ja“ sagt.

    Ich versuche das auch. Ich wusste nicht, dass es dafür sogar einen Begriff gibt, aber jetzt wo ich ihn kenne, werde ich ihn mit in die Welt tragen. „Yes-Anding“. Finde ich gut!

  4. Auch mir war die Existenz des „Yes-Anding“ bis zum Lesen dieses Artikels unbekannt. Sehr inspirierend, die folgenden Worte „…nie gegen die Bewegung ihres Partners angehen, sondern deren Schwung nutzen, um ihr Ziel zu erreichen.“

    Danke für diesen wertvollen Gedankenanstoß!

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