Anziehendes, Kind & Kegel
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Jack-Wolfskin-Junge aus Beton-Bullerbü

Jack-Wolfskin-Kinder: Wetterfeste Haut für angehende Weichhupen und Prenzelberg-Yuppies?

„Mein Kind 1.0, mein Erstgeborener, mein Sohn! Was habe ich getan? Was habe ich dir angetan?“ Ich kann es nicht fassen, dass ich das zugelassen habe. Zugelassen habe, dass mein Sohn, sobald er sich die Jacke überwirft, nun als gebrandmarktes Kind durch die Welt gehen muss. Schuld ist seine Jack-Wolfskin-Jacke, die auf der Suche nach einer Winterjacke für die kommenden Wintertage schließlich im Geschäft um die Ecke über die Ladentheke ging. Er kann es nicht wissen, aber trägt damit dieses schlimme Mal, die Wolfstatze, spazieren, das im Nachbarbezirk Prenzlauer Berg schon Symbol eines ganzen Lebensgefühls ist. Wer allerdings mal versucht hat, für einen Fünfjährigen eine praktische Jacke zu finden, die nicht nur warm, sondern auch trocken hält und zwar gerade mal in Größe 110, der bekommt nicht wirklich viel Auswahl geboten. Irgendwann pendelt sich die Wahl irgendwo zwischen North Face, Jako -O und Jack Wolfskin ein. Oder man greift zum finnisch anmutenden Label mit den Zipfelkapuzen, das aber seinen Sitz in Berlin Schöneberg hat.

 

Jack-Wolfskin-Kinder: Wetterfeste Haut für angehende Weichhupen und Prenzelberg-Yuppies?

 

Ich habe mein Kind also zu einem Jack-Wolfskin-Jungen aus Berlin Friedrichshain gemacht. Ein kleiner Wicht mit Outdoor-Jacke mitten in Beton-Bullerbü. Diese Wortschöpfung ist nicht von mir, sondern von Rike Drust, Autorin von „Muttergefühle Gesamtausgabe„. Viele Großstädter sähen ihre Kinder lieber in der Natur, weil da mehr „Bullerbü“ sei, las ich neulich unter dem Titel „Wir sind keine Jack-Wolfskin-Eltern„. Rike erklärte im Interview der Zeit Online, dass sie und ihr Mann eben keine Jack-Wolfskin-Eltern seien, keine Funktionskleidung besäßen und auch nicht gerne draußen sind, wenn es in Strömen regnet. Sie leben gern mit Kind in der Stadt in ihrem Hamburger Beton-Bullerbü. Familien, die sich bevorzugt in Funktionskleidung durchs Berliner Beton-Bullerbü bewegen, tun zwar so, als wenn sie in der Natur zu Hause wären, wurden aber des öfteren dabei beobachtet, wie sie bei den ersten Regentropfen ins nächstgelegene Eltern-Kind-Café stürmen. Dort halten sie dann natürlich ganz standesgemäß ihre Kinder mit einem kleinen Becher Milchschaum stundenlang bei Laune oder lassen sie gern auch über Tische und Bänke gehen.

 

Jack-Wolfskin-Kinder: Wetterfeste Haut für angehende Weichhupen und Prenzelberg-Yuppies?

 

Die Prenzlauer Berg Nachrichten schrieben im Artikel „Wie werde ich ein Schwabe #2“ dazu: „…in Bullerbü hätten sie einem Typen, der Jack Wolfskin heißt, sofort als potenziellen Serienkiller von der Dorfpolizei verhaften lassen.“ In anderen Blogs wird sogar getitelt: „Jack Wolfskin, die wetterfeste Haut für Weichhupen und Prenzelberg-Yuppies“. Und ich habe zugelassen, dass mein Kind dieses Brandzeichen des Spießertums, der neuen Kleinbürgerlichkeit und der Pseudo-Naturverbundenheit tragen muss. Darauf gleich einen Latte Macchiato, um diese Scham herunter zu spülen…

Mal ehrlich, wie kleinbürgerlich und spießig ist es denn, dieses Klischee immer noch aufrecht zu erhalten? Und wie kleinkariert im Denken ist man eigentlich, wenn man glaubt, es gäbe nur den einen wahren Ort, um dort Kinder groß zu ziehen und nur die eine politisch und ökologisch korrekte Bekleidungsmarke?

 

Jack-Wolfskin-Kinder: Wetterfeste Haut für angehende Weichhupen und Prenzelberg-Yuppies?

 

 

4 Kommentare

  1. Margot sagt

    Wir Ausländer kaufen eher solche Jacken bei Lidl oder C-und-A. Naja, Berlin ist für vielen immer noch arm (von sexy geschwiegen). Im Allgemeinen lese ich solche Blogs und frage mich, wie man Geld für EUR 150 Jacke kriegt, die nur ein Jahr hält (oder weniger, weil das Kind manchmal auch während des Winters wächst). Die Jacken (Jack oder andere) sind eher eine praktische Lösung für dieses Wetter und keinerlei ein Statement von Sehnen nach der Natur.

    Ich merkte mich auch, dass die Deutsche Jack Wolfskin mögen, insbesondere wenn sie eigentlich noch nie im wilden Norden waren. Aber es bleibt mir ein Rätsel, warum muss man die Natur hassen „soll“, wenn man in HH oder Berlin wohnt. Es ist doch wunderschön, wie es hier Natur in der Großstadt gibt. Berlin ist so Grün (bzw., in dieser Saison, Weiß), man fühlt sich fast wie in einem Dorf.

  2. JungeJundeJunge sagt

    @Margot

    Höchste Zeit den Sozialsatz weiter anzuheben, damit Berlin noch ärmer wird und Ihr Eure Jacken auch bei JW und anderswo kaufen könnt.

  3. Hallo,

    ich finde die Kindersachen von Vaude richtig gut, die gibt’s auch in kleinen Größen (war selbst lange auf der Suche). Das ist eine qualitativ hochwertige und verantwortungsbewusste (was man von der gelben Tatze ja nicht gerade behaupten kann…) Bergsport-Marke.
    Ich habe selbst Produkte von denen und war bis jetzt immer zufrieden, ebenso mit den Sachen für mein Goldkind.
    Schön finde ich vor allem, dass die Sachen kindgerecht designt sind (funktional, ohne Schnick-Schnack, in schönen Farben) und kein überlebensgroßes Logo auf allen Seiten tragen. ; )

    Im Übrigen ist Vaude sogar ein wenig günstiger als JW und hat sogar eine höhere Wassersäule.

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