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In meinem Kopf laufe ich immer noch

Zwei Pilgerbücher in einer Hand - In meinem Kopf laufe ich immer noch

Ich sitze hier mit einer Tasse Cappuccino am letzten Freitag meines Sabbaticals am Esstisch. In meinem Kopf stapeln sich hunderte Geschichten meiner Wanderung von Berlin nach Wien. Alle wollen geschrieben werden, aber es fehlt das Kribbeln in den Fingern, es auch wirklich zu tun.

Wieso ich das so ist, weiß ich nicht. Ich rätsele über mich selbst. Ich denke nach über das Nachdenken. Während die Worte nicht aus mir fließen wollen, die ich so gerne erzählen will, nehme ich mir Zeit für die Erzählungen anderer.

Ein Briefumschlag kam an, auf dem ich sofort die Schrift meiner Mutter erkannt habe und erfühlte, dass sie mir ein Buch geschickt haben muss. Es ist „Mein Enkel, der Jakobsweg und ich“ von Christine Bergmann.

Neun Monate nach dem Tod ihres Mannes macht sich die ehemalige Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend mit ihrem zwanzigjährigen Enkelsohn auf den Weg nach Santiago de Compostela. Sie selbst ist gerade siebenundsiebzig geworden. Mit trockenem Humor schildert sie in ihrem Pilgertagebuch, wie ihre Zehen zunehmend malträtiert werden, während die Seele sich weitet.

Im Buch steht sogar eine handschriftliche Widmung für mich. Ein besonderes Geschenk, das ich von meiner Mutter, eine meiner größten Unterstützerinnen, bekommen habe.

Widmung im Buch von Christine Bergmann "Mein Enkel, der Jakobsweg und ich"

„Für Sophie Lüttich mit vielen guten Wünschen und in Anerkennung Ihrer wunderbaren Hilfsaktion – Christine Bergmann – August 2020“

Ich lese das Buch fast in einem Rutsch durch und denke, dass ich im Grunde mit meinen Füßen noch ziemlich gut davon gekommen bin. Ich werde im Gegensatz zur Autorin nur einen Zehennagel verlieren – und das auch erst jetzt, einige Wochen nach der Wanderung. Vieles von dem, was Christine Bergmann beschreibt kann ich nachvollziehen und nachfühlen. Und sofort sind auch die dazu passenden Orte meiner eigenen Wanderung wieder vor meinem geistigen Auge.

Auch viele Schilderungen aus Hape Kerkelings Buch „Ich bin dann mal weg“ kommen mir wieder in den Sinn. Jetzt weiß ich zum Beispiel viel genauer, was er damit meint, wenn irgendwann alles auf deinem Weg anfängt mit dir zu sprechen. Jetzt weiß ich, wie es ist, wenn man das Gefühl hat, dass Texte auf Schildern und Tafeln eigens für einen selbst geschrieben worden wären.

Es ist übrigens das einzige Buch, dass ich in der Zeit der Vorbereitung auf meine Wanderung gelesen habe. Geplant war das allerdings nicht. Das Buch wollte von mir gelesen werden, könnte man sagen.

Es stand eines Tages ganz einfach so im Büchertauschregal des Kindergartens meiner Tochter. Das kleine weiße Regal im Eingangsbereich der Kita war mal der untere Teil der Wickelkommode in unserem Kinderzimmer. Es kostete bei der Kita-Leitung ein wenig Überzeugungsarbeit, dass bestimmt kein Ramschhaufen daraus entstehen würde und sich immer jemand findet, der mal ein bisschen Ordnung schafft. Schließlich durfte ich das Regal aufstellen und mit den ersten Kinderbüchern bestücken.

Wer weiß, wann ich mir das Buch von Hape Kerkeling überhaupt gekauft oder ausgeliehen geliehen hätte, hätte es nicht eines Tages da zwischen den Bilderbüchern gestanden.

Nun habe ich also zwei Pilgerbücher gelesen – eines vor der Wanderung und eines danach. Dabei habe ich es mit meiner eher agnostischen Weltsicht gar nicht so mit dem Pilgern und mit Gott.

Mit dem Glauben ist das anders. Ich glaube an den Glauben. Sehr sogar. Wirklich.

Und so glaube ich zum Beispiel fest daran, dass die Erzählungen irgendwann aus mir heraus fließen werden. Vielleicht dann, wenn der Kopf nicht mehr wandert, obwohl der Körper längst angekommen ist.

Über endlos lange Wege, das Nachdenken über Graswurzelbewegungen und die Kraft der Community habe ich am Dienstag mit Gabriel Rath für seinen New Work Chat gesprochen. Sobald die Folge als Video und Podcast veröffentlicht wird, sage ich natürlich Bescheid.

Im Gespräch resümierte ich so vor mich hin, dass man die krassesten Begegnungen tatsächlich immer mit sich selbst hat.

Vielleicht sind diese Tage jetzt auch wieder so eine Begegnung mit mir selbst. Dass ich ohne Training losgehen und durchhalten kann, weiß ich jetzt. Jetzt durfte ich viel über das Zurückkommen und Ankommen lernen.

Und dann werden die Wanderberichte folgen. Die Fotos für den ersten Artikel sind immerhin schon gesichtet und vorsortiert.

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