Berlin, Kind & Kegel
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Latte-Macchiato-Mutter? Ja, ich bekenne mich schuldig…

Die Original-Latte-Macchiato-Mutter aus der Trendstudie 2006 © The Coca-Cola Company.

Schon im Oktober 2010, als ich mich fragte, ob ich eine dieser Latte-Macchiato-Mütter sei, war der Begriff eigentlich schon ein alter Hut. Nur kam mir damals erstmals in den Sinn zu recherchieren, wo der Begriff der Latte-Macchiato-Mutter seinen Ursprung hat. Seitdem witzelte ich gern mal hier und da, dass ja auch nichts dabei wäre, sich ganz offen zum Dasein als Modegetränk schlürfende Mutter zu bekennen. Dann brach im Oktober und November des letzten Jahres der Internet-Streit über Latte-Macchiato-Mütter erneut aus, als wenn es nichts wichtigeres zu diskutieren gegeben hätte. So fanden die Latte-Macchiato-Mütter den Einzug in die ZDF Hyperland-Charts, die das Phänomen so kommentierten:

„Die Top-Themen des deutschsprachigen Internets waren im Oktober zwar der Tod von Steve Jobs und die Enthüllung des Staatstrojaners durch den Chaos-Computer-Club, doch der meistdiskutierte Einzelbeitrag beschäftigte sich mit einem ganz anderen Thema: mit den Müttern vom Prenzlauer Berg. Aus einem Gespräch mit einer Cafébesitzerin hat eine taz-Redakteurin einen sprachlich herabwürdigenden, klischeebehafteten Text abgeliefert, der nicht nur auf taz.de hitzig diskutiert wurde. … Der Text, der kein Klischee und Vorurteil auslässt, erzeugte nicht nur hunderte Leserkommentare von absoluter Zustimmung bis zu blankem Hass auf die Autorin, er sorgte auch außerhalb von taz.de für viele Reaktionen. Sage und schreibe über 30.000 mal wurde er bei Facebook und Twitter verlinkt und diskutiert. Kein anderer deutschsprachiger Text war im Oktober so populär in den sozialen Netzwerken.“

Der Artikel der taz Kaffeehauschefin über Macchiato-Mütter: “Die Weiber denken, sie wären besser” vom 9. Oktober 2011 schaffte es mit 30.573 Verlinkungen bei Facebook, Twitter & Co. im Oktober 2011 auf Platz 1 der Hyperland-Charts. Da wird taz-Redakteurin Anja Maier auch nicht nicht böse gewesen sein, denn ihr Buch „Lassen Sie mich durch, ich bin Mutter: Von Edel-Eltern und ihren Bestimmerkindern“ erschien eine Woche später im Bastei Lübbe Verlag.

Ich habe es nicht geschafft, alle 690 Kommentare, die bis heute aufgelaufen sind zu lesen, aber allein die Zahl ließ mich staunen. Und es brachte mir eine E-Mail und später ein Telefoninterview der „ÖKO-TEST Kinder Kinder“ ein, in dem die (neu aufflammende) Diskussion um die Latte-Macchiato-Mütter thematisiert werden sollte. Erst ging es mir am Telefon mit der ganz flott über die Lippen, jetzt steht es schwarz auf weiß in dem vierseitigen Artikel der Januar-Ausgabe: „Ich bin eine bekennende Latte-Macchiato-Mutter.“

Und so nehme ich mit diesem Bekenntnis auch in Kauf, mehr solche Kommentare zu bekommen wie: „Ihr Latte-Macchiato-Muttis verkörpert die Arroganz eurer Generation…„. Bei der Diskussion geht es schon längst nicht mehr um das Getränk oder ob man als Mutter mit Kleinkindern im Café sitzen darf oder nicht. Es geht doch eher darum, dass schon längst kein klares Rollenmuster mehr die Lebenswelten von Müttern prägt. Auf der Suche nach individualisierten Lebensstilen tappen Mütter immer wieder in Klischeefallen und scheitern an idealisierten Rollenbildern. Genau deswegen hatte ich auch dem Kommentator geantwortet, dass schon viel gewonnen wäre, wenn sich Mütter nicht länger für ihr gewähltes Lebensmodell entschuldigen müssten – und zwar egal, welches sie gewählt haben.

Doch zurück zur Definition der Latte-Macchiato-Mutter und zwar der ursprünglichen aus der Trendstudie vom September 2006 „Modern Moms – Lebenswelten zwischen Kindern, Karriere und Konsum“. Dort heißt es im Titel „Latte-Macchiato-Mütter: Lebensqualität und grüner Lifestyle als oberstes Ziel“ und in den Studienergebnissen:

„Sie ist in urbanen Milieus oder in ihrem kleinen Paradies auf dem Land zu Hause. Latte-Macchiato-Mütter sind typische LOHAS: Frauen, die mit ihrer Familie den neuen grünen „Lifestyle of Health and Sustainability“ pflegen. Gesundheitsbewusstsein, Nachhaltigkeitsdenken, Umweltorientierung, Lebensqualität, all das ist grundlegender Bestandteil ihres Lebens- und Konsum­stils. Sie verbinden das eigene Wohlfühlbedürfnis mit der Ver­antwortung für ihre Kinder und die Gesellschaft, sowie mit ethi­schem Konsum. Latte-Macchiato-Mütter sind aber keineswegs vergleichbar mit den konsumkritischen „Ökos“ der 70er und 80er Jahre. Trendbewusst leben sie außerhalb ideologischer Dogmen und sind Teil der gesellschaftlichen Mitte. Was sie auszeichnet ist einen Wertepluralismus: Selbstverwirklichung und Familie, gesunde Ernährung und Genuss, Spaß am Leben und finanzielle Sicherheit, naturnahes Wohnen und urbane Atmosphäre, Mobi­lität und saubere Öko-Bilanz. Lebensmittel kauft sie am liebsten im Bio-Supermarkt oder auf dem Wochenmarkt. Ebenso genießt sie es aber auch, gemeinsam mit Freunden und den Kindern ins Café oder Restaurant zum Essen zu gehen. Sie sind immer aktiv und mobil: Ob in der Ausstellung, beim Kurzurlaub auf der Finca oder bei Freunden in einer der Metropolen der Welt, Familienle­ben heißt, daheim nicht zu versauern.

Latte-Macchiato-Mütter sind vielfach Teil der Kreativen Klasse, der neuen bunten Arbeitswelt (Richard Florida): Ob als Selbstän­dige oder Angestellte mit Home-Office-Option, sie arbeitet als kreativer Kopf (Architektin, Grafikerin, Redakteurin, Beraterin, Wissenschaftlerin) – je nach Projekt mal mehr, mal weniger. Kin­der stören dabei nicht. Im Gegenteil: Sie sind für Latte-Macchi­ato-Mütter fester Bestandteil ihres modernen Bohemien-Lebens und der kulturellen Vielfalt, mit der sie sich umgeben. Das Be­dürfnis nach Individualität hindert sie nicht daran, sich in ihrem sozialen Umfeld zu engagieren: vom Nachbarschaftsfest bis zum Bau einer Kinder-Bio-Sauna in der Kita.

Herausforderung: Das Leben ist spannend und abwechslungs­reich – und bleibt es auch mit Kind. Manchmal erfordert das Ei­niges an Organisation oder den Verzicht auf ein tolles Projekt. Aber im Großen und Ganzen ist das in Ordnung so. Doch es gibt auch Zeiten, in denen die Unsicherheit durch zeitlich befristete Jobs und die ständig geforderte Flexibilität belastend werden.

Der Spagat zwischen (beruflicher) Selbstverwirklichung und den Verpflichtungen und Anstrengungen der Kindererziehung gelingt längst nicht immer so leicht, wie es für Außenstehende den An­schein hat.

Belohnung: Viel Spielraum zum Gestalten – das eigene Leben, die Partnerschaft, die Projekte, das Zusammenleben mit den Kindern. Latte-Macchiato-Mütter leben, arbeiten, konsumieren hochgradig individuell. Das ermöglicht ihnen nicht nur jede Men­ge interessanter neuer Erfahrungen, sondern auch ein hohes Maß an Work-Life-Balance.

Wünsche und Sehnsüchte: Der Wunsch und die Notwendigkeit, sich immer wieder neu zu erfinden, sich auf neue Lebenssituati­onen einzustellen und flexibel zu sein, können manchmal auch anstrengend sein.

Dann wächst der Wunsch nach Vorbildern, die Orientierung geben und nach einer Lebensstruktur, die ein wenig mehr Halt gibt. Obwohl sich Latte-Macchiato-Mütter nicht unbedingt als politische Menschen verstehen, so ist ihr Handeln doch sehr von dem Wunsch geprägt, die Welt ein Stückchen besser zu machen – zumindest für die nächste Generation.

Gesellschaftlicher Einfluss: Stark zunehmend. Ein Drittel der Konsumenten in Deutschland wird inzwischen als LOHAS be­zeichnet, viele davon sind Frauen mit Kindern (vgl. Zukunftsin­stitut: Zielgruppe LOHAS, 2007; Wenzel/Kirig/Rauch: Greeno­mics, 2008; Nielsen/KarmaKonsum: Was LOHAS wirklich kaufen, 2008; Ernst & Young: LOHAS, 2007). Diese progressive Zielgrup­pe wird weiter wachsen. Selbstbewusste Frauen, Wissens- und Kreativarbeiterinnen sind nicht zuletzt wegen ihres hohen Bil­dungsniveaus und ihrer Flexibilität in der Wirtschaft von morgen gefragter denn je und setzen zugleich neue Maßstäbe auf den Konsummärkten.“

Und jetzt denke ich noch einmal darüber nach, ob ich mich nicht wirklich mal an den Entwurf eines T-Shirts für bekennende Latte-Macchiato-Moms machen sollte und feile noch ein bisschen an meinem grünen Lifestyle.

 

Die Original-Latte-Macchiato-Mutter aus der Trendstudie 2006 © The Coca-Cola Company.

 

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2 Kommentare

  1. Thomas Maier sagt

    Tja, ich trinke zur Mittagszeit gerne im Bistro meinen Cappuccino und finde es schlicht und einfach geschmacklos, wenn diese Latte… dann ziemlich ungeniert innerhalb dieser Räumlichkeit meinen, die Windeln wechseln zu müssen. Dabei vergeht mir jeder Appetit.

    • Das Café als verlängertes Wohnzimmer! Und als verlängertes Kinderzimmer mit Wickeltisch gleich mit… Das ist wirklich unappetitlich.

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