Berlin, Kind & Kegel
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Bezugnehmend auf Ihr Schreiben, Herr Wowereit…

Der Berliner Senat hat 28.000 Euro in rund 55.000 Briefe an Eltern von Kitakindern investiert, um ihnen mitzuteilen, was sie schon wissen: nämlich dass die drei letzten Kita-Jahre vor Schuleintritt in Berlin ab sofort beitragsfrei sind. Für uns war das wahrscheinlich genauso verwunderlich, wie für die meisten der anderen Eltern, die den Brief Anfang dieses Monats bekommen haben. Diese „Neuigkeit“ erfuhren wir längst durch den letzten Kostenbescheid des Bezirksamts. Nun gut, es war eine schnöde Tabelle, die aber eigentlich alle Mütter und Väter dieser Stadt bestens verstanden haben dürften. Zumindest, wenn man sich durch Elterngeldformulare, Kindergeldanträge und den ganzen restlichen Papierkram gekämpft hat, der mit Geburt eines Kindes auf einen zukommt. Seit Mai 2010 gibt es diese Information sogar in einem hübschen farbigen Flyer, herausgegeben von der Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung. Was also steckte denn nun an neuen wichtigen Informationen im Brief, die uns Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) und der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) persönlich versorgt wissen wollten? Das Presse- und Informationsamt des Landes Berlin dokumentiert den Brief, der den Familien im Januar zuging, im Wortlaut. Dann kann ich ihn ja sicher hier auch mal flott hin kopieren und kommentieren.

„Das Jahr 2011 beginnt für alle Eltern und für alle Kinder mit einer guten Nachricht: Seit dem 1. Januar 2011 sind die letzten drei Kita-Jahre vor dem Schulbesuch beitragsfrei. Dies bedeutet für Eltern, deren Kinder eine Kita besuchen, eine jährliche Entlastung von durchschnittlich 680 Euro pro Kind.“

Na, das ist wirklich eine gute Nachricht, die aber gar nicht neu ist, sondern eigentlich schon alter Käse aus dem letzten Jahr. Alle Eltern von Kita-Kindern dürften längst davon wissen. Nur, dass wir uns richtig verstehen: Es ist eine gute Sache, den Kitabesuch in den letzten drei Jahren vor Schulbesuch beitragsfrei zu machen. Das entlastet unsere Familienkasse. Als berufstätige Eltern sind es für uns in den letzten drei Jahren deutlich mehr als die erwähnten 680 Euro gewesen. Trotzdem haben wir sie gerne gezahlt, denn wir wissen, dass unser Sohn in der Kita gut aufgehoben ist.

„Sie werden sicherlich schon festgestellt haben, dass sich der Kita-Besuch positiv auf die Entwicklung Ihres Kindes auswirkt – besonders beim Sprechen. Gut sprechen zu können ist die Voraussetzung für späteren Erfolg im Leben, in der Ausbildung und im Beruf. Leider ist es für viele Kinder nicht selbstverständlich, so gut Deutsch zu sprechen, dass sie bei Schulbeginn dem Unterricht ohne Probleme folgen können. Daher ist es wichtig, dass möglichst alle Kinder eine Kita besuchen. Der Kita-Besuch bedeutet für die Kinder täglich neue soziale Kontakte zu vielen Gleichaltrigen, er bedeutet Leben und Lernen in der Gruppe. Drei beitragsfreie Kita-Jahre sorgen auch für eine verbesserte Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Wir wollen, dass berufliche Entwicklung und Familienleben nicht im Widerspruch stehen!“

Ich weiß nicht, ob man einfach so sagen sollte, dass möglichst alle Kinder eine Kita besuchen sollten. Das ist doch ein bisschen pauschal in den Raum hineingeworfen. Schließlich gibt es auch noch Tagesmütter, Tagesgroßpflege und andere Betreuungsvarianten. Viel wichtiger finde ich, dass alle Eltern, die für ihr Kind einen Kitaplatz suchen, auch einen finden. Im Bekanntenkreis kenne ich so einige Mütter, die schon froh wären, wenn sie überhaupt einen Platz bekämen. Über Beitragsfreiheit können sie nur müde lächeln. Sicherlich zielt die Aussage auf das ab, was Bildungsforscher unlängst empirisch belegen konnten: Insbesondere bei Kindern, deren Eltern einen niedrigeren Bildungshintergrund haben, steigt mit einem Kita-Besuch die Wahrscheinlichkeit besonders stark an, dass sie später den Sprung auf Gymnasium schaffen. Ernüchternd ist allerdings das reale Bildungsgeschehen: „Gerade Kinder aus Haushalten mit geringem Einkommen oder mit Eltern, die einen Migrationshintergrund haben, sind diejenigen, die im Schnitt später als andere in die Kita gehen“, sagt C. Katharina Spieß, DIW-Forschungsdirektorin für Bildungsökonomie in einer Pressemitteilung des DIW.

„Berlin nimmt deutschlandweit beim Kita-Angebot einen Spitzenplatz ein. Davon profitieren Eltern und Kinder. Wir wissen aber auch, dass es manchmal Probleme gibt. Deshalb arbeiten wir daran, die Qualität der Krippen und Kitas in Berlin stetig zu verbessern.“

Leider erwähnen die Verfasser des Briefes nicht, dass die Sprachkompetenz von Berliner Kindern bei ihrer Einschulung immer noch viel schlechter ist als in anderen Bundesländern. Gerade Kinder, die von der beschriebenen Sprachentwicklung besonders profitieren könnten, besuchen erst später eine Kita oder gar nicht. Die Eltern dieser Kinder haben den Brief übrigens nicht erhalten.

„Wir freuen uns, dass Ihr Kind eine Kita besucht, und wir möchten Sie als Eltern bestärken, sich am Kita-Leben zu beteiligen. Werben Sie auch im Verwandten- und Bekanntenkreis für den Besuch einer Kita! Am Geldbeutel scheitert es seit diesem Jahr nicht mehr. Helfen Sie mit, dass die Zeit in der Kita eine wichtige und positive Erfahrung wird!“

Eltern werben Eltern für den Besuch einer Kita? Ist das der Weg, um auch die Eltern zu erreichen, deren Kinder keine Kita besuchen? Die Opposition wirft der SPD ohnehin vor, dieser Elternbrief sei nichts weiter als steuerfinanzierte Wahlwerbung. Ein Sprecher des Senates entgegnete, man habe mit „überschaubaren Kosten“ alle Eltern mit Kindern im Kita-Alter darüber informieren wollen, dass die Kosten keine Hürde mehr vor dem Besuch einer Kita seien. Nur sind eben nicht alle beschickt worden. Es ist ein bisschen wie mit dem Berg und dem Propheten. Wer jemanden wirklich erreichen will, muss dafür sorgen, dass seine Nachricht auch wirklich ankommt und gelesen werden kann. Um die zu erreichen, deren Kinder man gern in den Berliner Kitas sehen will, bedarf es schon mehr als einen Brief an die zu schreiben, deren Kinder schon in der Kita sind.

„Wir tun alles, damit Ihr Kind in einer anregenden und behüteten Atmosphäre aufwächst, die ihm optimale Chancen für das spätere Leben eröffnet. Gemeinsam mit Ihnen und Ihrem elterlichen Engagement wird Berlin eine Stadt für Familien und Kinder.“

Das mit dem „alles geben“ ist doch ziemlich hoch gegriffen. Der Berliner Senat könnte gern mal jemanden in unsere Kita schicken. Dort, so bin ich mir sicher, können Eltern und Erzieherinnen noch so einiges aufzählen, das bis zum „Alles“ noch fehlt. Die Kosten für Wowereits Elternbrief in Höhe von 28.000 Euro hätte man sich zumindest sparen oder auch anders investieren können. Laut des aktuellsten Bildungsberichtes Berlin Brandenburg gibt es 1.798 Kindertageseinrichtungen in Berlin. Das Geld hätte sich auch prima als Büchergutschein in Höhe von 15 Euro für jede dieser Einrichtungen gemacht. Bei Büchern ist zumindest belegt, dass sie auf ganz fantastische Weise zur Sprachförderung beitragen.

2 Kommentare

  1. Ilona sagt

    Hallo
    Ja ich hatte mich auch sehr über den Brief gewundert und war im nachhinein verärgert über die Gelder die da ausgegeben wurden, das Geld hätte lieber in kitas und /oder Schulen fliessen sollen.
    Ilona

    • Hi Ilona,
      ich glaube, die meisten Eltern haben sich gewundert. Wenn schon Post vom Bürgermeister zum Thema Kita, dann hätten sich wahrscheinlich die meisten darüber gefreut, wenn der Senat in die Qualität der Betreuung investiert hätte.

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