Kind & Kegel, Stadtentwicklung
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Warum Kinder spielen müssen.

Ein Wort, das in meiner Kindheit zum aktiven Wortschatz meiner Familie gehörte, aber meine Kinder neulich mit Verwunderung aus meinem Munde vernahmen, ist stromern. Kennt das noch jemand von euch? Stromern ist ein Synonym für streunenstrolchen oder umherstreifen, weiß das Wörterbuch zu berichten. Der Duden bescheinigt diesem umgangssprachlichen Verb auch nur noch eine Häufigkeit von 3 aus möglichen 5. Wahrscheinlich dauert es nicht lange, bis Kindern gar nicht mehr stromern und auch das Wort nicht nicht mehr benutzen werden.

Wieso ich darauf komme? Bei dem gestrigen Versuch, beim Besuch der Schwiegereltern einen anderen Weg aus dem Park zurück zu ihrem Haus zu nehmen, standen Kind 1.0, Kind 2.0 und ich plötzlich vor einem Zaun. Den hatte eine Wohnungsbaugenossenschaft errichtet und er schnitt einen Fußweg mittendrin ab. Wären meine Kinder nicht erst 2 und 5 hätte ich sie wahrscheinlich dazu angestiftet, einfach über den Zaun zu klettern, weiter hinten noch über einen zweiten und dann den Weg fortzusetzen. Immerhin konnte ich das Haus der Schwiegereltern schon sehen. Mit Kleinkind im Schlepptau war mir das aber zu heikel und wir liefen brav einen Umweg um den Häuserblock herum.

Mich wundert es nicht, wenn ich lese, dass Spieleforscher davon ausgehen, dass Kinder bis zum vollendeten sechsten Lebensjahr ca. 15.000 Stunden spielen (müssen!). Das sind ca. 7 bis 8 Stunden pro Tag! Nur draußen können sie das in der Stadt immer weniger. Wenn man nicht gerade jemanden kennt, der einem die immer mehr eingezäunten Höfe aufschließt, dann bleiben nur noch die DIN-genormten Spielplätze. Ich hatte sie hier im Blog Weichei-Spielplätze genannt.

Bei einem Workshop in Frankfurt am Main bekam ich von einer Teilnehmerin ein kleines gelbes Heft überreicht, das ich nur jedem ans Herz legen kann. Es heißt „Warum Kinder spielen müssen – Zehn Argumente für das Spiel“ und kann hier kostenlos heruntergeladen werden. Vielen Dank an das Deutsche Kinderhilfswerk, das auf meine Anfrage hin die Broschüre zum Download bereitgestellt hat.

Warum Kinder spielen müssen - Zehn Argumente für das Spiel

s Warum Kinder spielen müssen – Zehn Argumente für das Spiel

Spielen macht Spaß, setzt Phantasie frei, ist soziales Training und ist die ganzheitliche Lerntechnik. Dafür braucht es aber öffentliche Frei- und Bewegungsräume. Jetzt könnte man natürlich argumentieren, dass wir ja selbst Schuld seien, wir alten Stadtpflanzen. Warum ziehen wir denn nicht auch – sobald wir Nachwuchs gezeugt und in die Welt gesetzt haben – raus ins Grüne? Wieso machen sich Leute wie die von der Initiative Kinderfreundliche Stadtgestaltung überhaupt so eine Mühe? Stadt ist Stadt, Immobilien bringen Geld und wer freie Flächen haben will, der soll gefälligst raus auf’s platte Land.

Aber ich denke, so einfach geht die Rechnung nicht auf. Wenn alle flüchten, wird’s ja auch nicht besser. Bevor meine Kinder in den Kindergarten gingen, wusste ich zum Beispiel nicht, dass jeder Berliner Stadtbezirk eine Spielplatzkommission hat, bei der Eltern ein Mitsprache- und Stimmrecht haben. So etwas ähnliches gibt es bestimmt auch in anderen Städten und ich kann alle nur ermutigen, sich dort Gehör zu verschaffen, wenn man nicht möchte, dass auch noch die letzten Spielräume in der Stadt eingezäunt oder bebaut werden.

Bei der Gelegenheit fällt mir ein, dass dringend die Einladungen für den nächsten Bezirkelternausschuss Kita verschickt werden müssen… Nun denn!

 

6 Kommentare

  1. bei uns hieß/ heißt das ströpern. Ist aber natürlich das gleiche.
    Und ja, ich kann deinem Post nur zustimmen und mir gleich mal die Broschüre ansehen.

    Liebe Grüße, Mella

  2. Ich kenne das Wort auch, allerdings hat eigentlich nur noch meine Oma „stromern“ im aktiven Wortschatz und benutzt es für den Hund, der dieser Tätigkeit nur allzugerne nachgeht ^^ Über die Wichtigkeit vom kindlichen Spielen habe ich auch schon mal geschrieben, denn für Kinder ist jedes Spiel auch Lernen, sich in der „richtigen“ Welt zurechtzufinden. Liebe Grüße

  3. Stromern?
    Klar, das ist das, was ich mit meinen drei großen Brüdern als Kind jeden Nachmittag gemacht habe: raus aus der Haustür, rein in die Wiese oder in den Wald. Dort haben wir allerhand Blödsinn gemacht und uns gefreut, daß wir frei waren. Ohne Aufsicht der Eltern, in der Natur und eben unter uns.
    Stromern, das ist genau das, was ich meinen Kindern nie erlauben würde. Zumindest nicht in dem Alter, in dem ich es tat.
    Ich bin auf dem Dorf aufgewachsen und rückblickend kann ich nur sagen, daß es für mich als Kind das Paradies war. (Als Jugendliche ohne Auto und 30km von der nächsten Kleinstadt entfernt war es dann eher schwierig).
    Frei wie ein Vogel und immer auf Entdeckungstour.
    Mich macht es traurig, daß ich das meinen Kindern kaum ermöglichen kann hier am Rande einer Kleinstadt. Vielleicht wenn sie mal ein bißchen ölter sind?
    Wie handhaben das andere Eltern. Habe ich einfach zu viel Angst?

    Liebe Grüße
    Suse

  4. Den Begriff kenne ich zwar nicht, aber die Umstände des Platzmangels sehr wohl. ich selbst bin im Nordned- Offenbach aufgewachsen und hatte „wenig Platz“ zum Spielen.

    Allerdings gab es einen Ort des Spielens mit kleinem Beigeschmack. Der Schulhof unserer Schule war ein guter geeigneter Platz zum „kicken“ – allerdings machte auch hier der Hausmeister ab 17:00 die Toren zu.

    Doch wir hatten nicht genug und erlaubten uns das rüberklettern, worauf wir das eine oder andere mal auch „erwischt“ wurden.

    Nicht nachmachen ! ;-)

    Gruß
    Güngör

  5. Das Wort stromern ist mir nicht bekannt. Bei uns sagte man ganz einfach „streunern“, aber das ist ja das selbe. :)

    Schön das Du das mit den eingezäunten Spielplätzen angesprochen hast. Mir ist das auch schön des öfteren durch den Kopf gegangen.

    Ich finde es sehr schade das bei uns in Berlin immer mehr Spielplätze eingezäunt werden und nur noch die Hausbewohner zu ihnen zugang finden. Die anderen öffentlichen Spielplätze verschwinden und verkommen. Die die übrig bleiben sind an schönen Tagen restlos überfüllt.

    Spielen – vor allem im Freien – ist für Kinder auf jeden Fall wichtig. Hier können sie ihre Phantasie entfalten, sich austoben, soziale Kontakte knüpfen und haben jede Menge Bewegung, was ihnen gut tut.

    Werd mir gleich mal die Broschüre snschauen. :)

  6. Was ich eigentlich noch sagen wollte… ich finde es vor allem schade dass heute irgendwie jeder sein eigenes Spüchen kocht. Jeder hat seinen eigenen Spielplatz, der am besten noch abgzäunt von der Außewelt ist. Mir fehlt hier der Gemeinsinn.

    As ich Kind war da gab es so etwas nicht. Da waren noch keine Wohnblöcke, Wiesen oder Kinderspielplätze abgezäunt. Wir Kinder waren die größte Zeit draußen. Es war eine verdammt schöne Zeit.

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